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Roniyar Hadschi, Aktivist:
»Er hat mir wörtlich gesagt, wenn ich erneut festgenommen werde, würde ich für immer verschwinden«

KURDWATCH, 31. Juli 2015 – Roniyar Hadschi wurde 1981 in Halincê, einem Dorf in der Nähe von ʿAin al‑ʿArab (Kobanî) geboren. Die Familie zog später nach Aleppo, wo Hadschi zur Schule ging. Sein Vater, der auch unter dem Künstlernamen Dilsoz als Dichter bekannt ist, war einer der ersten, der sich in Aleppo der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) anschloss. Als er begann, die Politik der PKK und Abdullah Öcalans, den er persönlich kannte, zu kritisieren, plante die PKK seine Ermordung. Sein Sohn Roniyar sollte entführt werden, die PKK nahm jedoch versehentlich einen Schulkameraden mit. Daraufhin verließ die Familie im Jahr 2000 Aleppo Richtung Damaskus. Roniyar Hadschi berichtet von den Anfängen der Revolution in der syrischen Hauptstadt und seinen Problemen mit der PKK.


KurdWatch: Wart Ihr nach Eurem Umzug nach Damaskus vor den Nachstellungen der PKK sicher?
Roniyar Hadschi: Wir haben versucht, unauffällig zu leben. Ich bin in Damaskus zur Schule gegangen und habe hier auch Pharmazie studiert. Später hatte ich zwei Apotheken im Vorort Qudsaia, dort haben wir auch gelebt.

KurdWatch: Wann hast Du angefangen, politisch zu arbeiten?
Roniyar Hadschi: Ich bin selbst politisch aktiv geworden, als die syrische Revolution begann.

KurdWatch: Was hast Du gemacht und mit wem hast Du gearbeitet?
Roniyar Hadschi: Wir haben nach den Ereignissen von Darʿa Ende März 2011 angefangen, in Damaskus zu demonstriert. An der ersten Demonstration haben ungefähr dreihundert Menschen teilgenommen. Wir waren sieben Freunde, die entschlossen, mitzugehen. Wir gehörten keiner politischen Gruppe an.

KurdWatch: Gab es wegen der Demonstrationen Probleme mit dem Regime?
Roniyar Hadschi: Ja, gleich bei der zweiten Demonstration wurden viele Leute festgenommen. Ich selbst wurde bereits am Tag nach der ersten Demonstration an meinem Arbeitsplatz, in der Apotheke, abgeholt.

KurdWatch: Wer hat Dich mitgenommen?
Roniyar Hadschi: Die Polizei von Qudsaia. Ich kannte den Leiter der Wache. Als er mich auf der Wache gesehen hat, hat er mir gesagt, ich solle leugnen, an der Demonstration teilgenommen zu haben. Er hat mir auch gesagt, er würde dann dafür sorgen, dass ich freigelassen werde. Das war auch tatsächlich der Fall. Es gab dann weiterhin fast jede Woche Demonstrationen. Ich habe an allen teilgenommen. Ich wurde ein zweites Mal festgenommen. Diesmal wurde ich nach Harasta, in die Abteilung für Kriminelle gebracht.

KurdWatch: Wer hat Dich festgenommen?
Roniyar Hadschi: Das weiß ich nicht. Bei der zweiten Festnahme haben sie mich erneut in der Apotheke abgeholt. Sie haben mich sofort geschlagen, mir die Augen verbunden und mich dann weggebracht. Ich wurde fünf Tage verhört. Am fünften Tag wurde ich Hauptmann ʿAmr vorgeführt. Er hat mir wörtlich gesagt, wenn ich erneut festgenommen werde, würde ich für immer verschwinden. Er hat dann meinen Vater angerufen, damit der mich abholt. Ich konnte nicht mehr laufen, deshalb sollte mein Vater mich abholen.

KurdWatch: Was wollten sie wissen? Wurdest Du gefoltert?
Roniyar Hadschi: Sie wollten wissen wieso wir demonstrieren, wer die Demonstrationen organisiert, die Namen von Demonstrationsteilnehmern und so weiter. Am Anfang, in den ersten vier Tagen, wurde ich auch gefoltert. Nachdem der Hauptmann mit mir gesprochen hatte, wurde ich nicht mehr gefoltert. Dieser Hauptmann war wirklich in Ordnung. Er hat sich kurze Zeit nach Beginn der Unruhen vom Regime getrennt und ist zur Opposition übergelaufen.

KurdWatch: Hatten sie Beweise, dass Du an den Demonstrationen teilgenommen hast?
Roniyar Hadschi: Ja, sie haben mir Fotos gezeigt, wie ich demonstriere. Nach meiner Freilassung habe ich natürlich weiter demonstriert. Jetzt sind wir sogar jeden Tag auf die Straße gegangen. Ich war jetzt fast jeden Tag in al‑Hama, einem Vorort in der Nähe von Qudsaia. Ich bin erneut festgenommen worden und wurde dieses Mal in das Gefängnis von ʿAdra gebracht.

KurdWatch: Wurdest Du vorher verhört?
Roniyar Hadschi: Nein, sie haben mich direkt ins Gefängnis gebracht.

KurdWatch: Wann war das?
Roniyar Hadschi: Im Mai 2011. Nach drei Tagen wurde ich dem Richter vorgeführt. Der Richter hieß ʿAbdulqadir Ibrahim. Er behauptete, ich hätte mit einer Pistole geschossen und versucht, Menschen zu töten. Ich habe gesagt, wir hätten nur demonstriert und den Sturz des Regimes gefordert. Er hat mich dann angeschrieen und gesagt, ich solle den Mund halten. Wer ich sei, so etwas zu sagen. Ich habe gesagt, dass ich Kurde bin und ihre Ungerechtigkeit nicht akzeptieren kann. Ich wurde dann von hinten geschlagen und abgeführt. Nach drei Tagen im Gefängnis hat mein Vater mich durch Bestechung freibekommen. Ich habe dann weiterhin in Qudsaia gewohnt. Bis August 2011 waren dort kaum Regierungstruppen. Der Ort war faktisch unter Kontrolle der militärischen Einheit von Qudsaia. Diese Einheit bestand überwiegen aus jungen Aktivisten, die auch bewaffnet waren. Sie waren irgendwann gezwungen, sich zu bewaffnen, denn die Regierung hat angefangen, auf friedliche Demonstranten zu schießen. Die Regierungstruppen haben mehrmals versucht, in Qudsaia einzudringen. Sie sind jedoch jedes Mal gescheitert. Dann haben sie Qudsaia umzingelt und vierundzwanzig Stunden mit Raketen beschossen. Die Regierung hat am Sahat al‑Haras eine große Menschenmenge zusammengeholt und sie beim Einmarsch in den Vorort als Schutzschild missbraucht. An jenem Tag sind siebenundvierzig Menschen gestorben. Sie haben auch Flugzeuge und Panzer eingesetzt, um den Ort einzunehmen.

KurdWatch: Wann genau war das?
Roniyar Hadschi: Im Oktober 2011. Auch meine Wohnung ist von einer Bombe getroffen worden. Es war sehr früh morgens. Mein Vater war in Italien. Ich, meine Mutter, meine Frau, meine drei Kinder und meine Geschwister waren zu Hause. Alle haben es geschafft, rechtzeitig aus dem Haus zu fliehen. Außer meiner Frau. Sie ist unter den Trümmern begraben worden. Wir haben dann entschieden, dass wir nicht mehr in diesem Land bleiben können und haben Syrien verlassen. Ich habe mich in der Türkei weiterhin politisch betätigt. Anfänglich, noch in Syrien, habe ich mich für die syrische Revolution im Allgemeinen eingesetzt. Ich habe vor allem Demonstrationen in Damaskus mitorganisiert und aktiv an diesen teilgenommen. Wir alle hatten das eine Ziel, den Sturz des Regimes. In der Türkei habe ich mich dann immer intensiver mit der Situation in den kurdischen Gebieten beschäftigt. Die PYD hatte mittlerweile dort die Kontrolle übernommen und agierte nicht besser als das Regime. Deshalb habe ich sie immer wieder kritisiert.

KurdWatch: Haben die PKK oder die PYD irgendeine Rolle in Qudsaia gespielt?
Roniyar Hadschi: Nein, in Qudsaia nicht, aber in den kurdischen Gebieten. Kurz bevor ich Syrien verlassen habe, war ich in Kobanî. Das Regime hatte der PYD auch Kobanî übergeben. Da ich Syrien verlassen wollte, habe ich Personalpapiere gebraucht und da ich in Kobanî registriert war, musste ich die Unterlagen vom dortigen Standesamt ausstellen lassen. Die PKK hatte alles unter Kontrolle. Auch das Standesamt und alle andere Ämter. Ich habe für die Ausstellung meiner Papiere bezahlen müssen. Auch dafür, dass sie mir mein Militärheft besorgt haben, musste ich bezahlen.

KurdWatch: Gab es ansonsten Probleme?
Roniyar Hadschi: Nein, absolut nicht. Im Gegenteil, einer bot mir ganz billig ein Stück Land an und sagte, ich könnte hier gut leben, wenn ich Hasch anbauen würde.

KurdWatch: Wann seid Ihr in die Türkei ausgereist?
Roniyar Hadschi: Ende 2011. Mir ging es nach dem Tod meiner Frau psychisch nicht gut und ich wollte meine Kinder außer Landes bringen. Aber auch in der Türkei war es sehr schwer und so habe ich mich entschlossen, weiter nach Deutschland zu fliehen. Im Januar 2013 bin ich hier angekommen.

KurdWatch: Bist Du als politischer Flüchtling anerkannt?
Roniyar Hadschi: Ja.

KurdWatch: Was machst Du aktuell in Deutschland?
Roniyar Hadschi: Ich kann noch nicht als Apotheker arbeiten, aber ich bin politisch aktiv. Ich beschäftige mich nach wie vor mit der Situation in den kurdischen Gebieten. Ich sehe, dass die PKK nicht für die Kurden Syriens da ist. Sie wollen nur die Macht ihrer Partei vergrößern und begehen täglich Menschenrechtsverletzungen. Sie bauen eine brutale Diktatur auf. Ich engagiere mich dagegen. Und erhalte deshalb immer wieder Drohungen, auch hier in Deutschland.

KurdWatch: Wie sehen die Drohungen aus?
Roniyar Hadschi: Sie sagen, sie wüssten, wo ich wohne und dass sie mich besuchen würden, wenn ich weiterhin die Unwahrheit über sie verbreite. Sie sagen, sie werden mich zusammenschlagen oder mich töten. Sie haben auch tatsächlich schon versucht, mir vor meiner Wohnung aufzulauern.

Berlin, 14. März 2015

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