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Zahida Raschkilo, kurdische Politikerin:

»Sie haben gesagt, sie und elf andere kurdische Parteien würden Mischʿal at‑Tammu liqudieren«

KURDWATCH, 15. Juni 2012 – Zahida Raschkilo (geb. 1966) ist Mitglied im Büro für allgemeine Kommunikation der Kurdischen Zukunftsbewegung in Syrien. Mit KurdWatch spricht sie über das Attentat auf Mischʿal at‑Tammu, bei dem auch sie schwer verletzt wurde. Es ist das erste Interview der kurdischen Politikerin, die sich derzeit zur medizinischen Behandlung in Deutschland befindet, in dem sie über die genauen Umstände des Attentats spricht.


KurdWatch: Wie geht es Ihnen gesundheitlich?
Zahida Raschkilo: Zuerst möchte ich mich beim deutschen Auswärtigen Amt und der Europaorganisation der Kurdischen Zukunftsbewegung bedanken, die mir die medizinische Behandlung in Deutschland ermöglicht haben. Das Auswärtige Amt übernimmt alle Kosten für meine Behandlung. Gleich in der ersten Woche meines Aufenthalts wurde im Klinikum Bad Saarow mein rechter Oberschenkelknochen operiert. Ich bin bereits in Syrien operiert worden, diese Operation war jedoch nicht erfolgreich. Ich kann immer noch nicht ohne Hilfe gehen, befinde mich derzeit in der Rehabilitation und werde in den nächsten Tagen erneut am Bein operiert werden. Im Großen und Ganzen geht es mir gesundheitlich gut und es wird immer besser.

KurdWatch: Als Mischʿal at‑Tammu am 7. Oktober 2011 umgebracht wurde, waren Sie bei ihm. Können Sie uns sagen, was an jenem Tag passiert ist?
Zahida Raschkilo: Einen Tag vorher hat Mischʿal mich um 23 Uhr in Aleppo angerufen und gesagt, ich solle am nächsten Morgen nach al‑Qamischli kommen. Ich war am nächsten Tag um 15 Uhr dort. In al‑Qamischli habe ich mit Mischʿal telefonisch Kontakt aufgenommen, er sagte, ich solle zu seinem Bruder ʿAbdurrazzaq kommen. Ich bin dann dorthin. Später ist auch Mischʿals Sohn Marsil gekommen. Als wir – ich, Marsil und ʿAbdurrazzaq – gemeinsam ʿAbdurrazzaqs Wohnung verlassen haben, sahen wir einen Wagen mit verdunkelten Scheiben. Es war ein Wagen wie vom Geheimdienst. Die Insassen haben uns gegrüßt und wir haben uns noch gegenseitig veräppelt; jeder hat dem anderen gesagt, der Gruß galt dir. Der Wagen ist dann aber in eine andere Richtung gefahren als wir, wir haben darauf geachtet, dass wir nicht verfolgt werden. Wir sind zu einem Haus im Westviertel gefahren und haben dort Mischʿal, den Gastgeber namens Rascho sowie dessen Frau getroffen. Kaum waren wir da, kam ein Anruf für Marsil. Es war der Fluchthelfer, der Mischʿals Ausreise organisieren sollte. Marsil sagte zu Mischʿal, sie müssten gegen 16 Uhr gehen, um gegen 18 Uhr das Land zu verlassen. Als der Anruf kam, war es etwa 15 Uhr 45. Mischʿal sagte daraufhin zu Marsil, dass sie erst am nächsten Tag gehen würden. Er und Marsil wollten gemeinsam nach Istanbul. Kurz danach kam erneut ein Anruf. Es war Schergo, ein Mitglied der Zukunftsbewegung, der Mischʿal treffen wollte. Mischʿal hat ihm einen Ort genannt und Marsil losgeschickt, um ihn dort abzuholen. Als Schergo eintraf, berichtete Mischʿal ihm, dass sein Leben in Gefahr sei. Er sagte, er habe gesicherte Informationen aus Damaskus erhalten, denen zufolge man ihn töten wolle, egal ob mit Gift, durch Erschießen oder durch einen Unfall. Von wem er diese Information bekommen hat, hat er nicht gesagt. Mischʿal sagte zu Schergo, sie sollten Rezan unterstützen. [Gemeint ist Rezan Bahri Schaikhmus, derzeit Vorsitzender des Büros für allgemeine Kommunikation der Kurdischen Zukunftsbewegung – Interview herunterladen]. Schergo erwiderte, dass er Verständnis für Mischʿals Flucht habe und dass sie die Zukunftsbewegung nach seinen Vorstellungen weiterführen würden. Während Mischʿal und Schergo ins Gespräch vertieft waren, hat es an der Tür geklingelt. Dann war es draußen ganz still. Normalerweise haben wir uns, wenn wir mit Mischʿal unterwegs waren, immer gefragt, wer an der Tür ist. Aber da außer dem Gastgeber auch Mischʿals Bruder ʿAbdurrazzaq und sein Sohn Marsil im Hof waren, haben wir uns nicht darum gekümmert, wir fühlten uns sicher. Etwa fünf Minuten, nachdem es geklingelt hatte, ging die Tür zu unserem Zimmer auf und ein Mann mit einem Maschinengewehr in der Hand trat ein. Er hielt das Gewehr an Mischʿals Kopf. Auf Arabisch befahl er Mischʿal aufzustehen und schoss auf seinen Kopf. Nach dem Schuss bin ich aufgestanden und habe mich zwischen ihn und Mischʿal gestellt und geschrieen, er solle nicht weiter schießen. Der Attentäter schoss dann auch auf mich. Ich habe oberhalb des Knies einen Streifschuss abbekommen. Als ich nicht zur Seite ging, hat er erneut auf mich geschossen und mich am Oberschenkel getroffen. Ich bin umgefallen, und er hat abermals auf Mischʿal geschossen. Da ich laut geschrieen und geweint habe, ist ein zweiter Mann ins Zimmer gekommen. Beide waren unvermummt. Als ich gefallen bin, habe ich Mischʿal noch ins Gesicht sehen können. Er hat seine Hand unter seinen Kopf geschoben, dann haben sich seine Augen geschlossen. Ich bin dann ohnmächtig geworden. Mir wurde später gesagt, dass der Mann weitere Schüsse auf Mischʿal abgegeben hat. Das Ganze hat nicht eine Minute gedauert. Ich kann mich an die Gesichter der Männer nicht erinnern. Ich habe später erfahren, dass sie auch auf Marsil geschossen haben. Als Marsil die Schüsse hörte, wollte er in unser Zimmer und da haben sie auf ihn geschossen. Es sollen insgesamt fünf Angreifer gewesen sein, ich habe aber nur zwei gesehen. Was draußen los war, weiß ich nicht. Meine Freunde haben es mir bislang nicht erzählt, und ich will es auch nicht wissen.

KurdWatch: War außer Ihnen, Mischʿal und Schergo noch jemand im Zimmer?
Zahida Raschkilo: Nein, nur wir drei.

KurdWatch: Sie sagten, dass Mischʿal wusste, dass sein Leben in Gefahr ist. Hatte er keine Bodyguards?
Zahida Raschkilo: Doch, wir hatten Leute, die ihn beschützt haben. Bereits zwei Monate zuvor hatte es ja einen Mordanschlag auf ihn gegeben. Aber wir dachten, wir seien in einem sicheren Haus. Wir gingen eher davon aus, man würde versuchen, ihn auf offener Straße umzubringen. Es scheint, dass sich herumgesprochen hatte, dass Mischʿal das Land verlassen wollte. Sie wollten ihn deshalb vorher umbringen.

KurdWatch: Wieso wollte Mischʿal Sie sehen, bevor er das Land verlässt?
Zahida Raschkilo: Wie mit vielen anderen Freunden wollte er mit mir einige organisatorische Angelegenheiten besprechen. Er wollte mir sagen, wie es mit der Zukunftsbewegung weiter gehen soll.

KurdWatch: Wieso hat Mischʿal nicht gleich nach dem ersten Mordversuch das Land verlassen?
Zahida Raschkilo: Er wollte nicht überstürzt aufbrechen, sondern die Zukunftsbewegung auf seine Abreise vorbereiten. Außerdem war er von der syrischen Opposition im Exil nicht überzeugt. Er hätte das Land nicht verlassen, wenn er nicht sicher gewesen wäre, dass man ihn umbringen will. Er sagte immer wieder, dass die Exilopposition keine ernsthafte Opposition ist, und dass wir im Land aktiv werden müssen. Als die Istanbuler Konferenz stattfand [Informationen zur Konferenz], hat er Haitham al~Malih nach Istanbul geschickt. Er selbst hat die Konferenz aus Damaskus eröffnet. Er hätte damals selbst nach Istanbul gehen können. Er sagte aber, wir müssten der Welt zeigen, dass es auch im Land eine starke Opposition gibt, eine Opposition, die nicht von außen gelenkt wird, wie der Opposition im Ausland vorgeworfen wurde. Deswegen haben wir uns aktiv an dieser Revolution beteiligt, aktiver als die meisten kurdischen und viele arabische Parteien. Mischʿal hat für diese Haltung mit dem Leben bezahlt.

KurdWatch: Mischʿal hat in einem Interview mit KurdWatch gesagt, dass er bedroht wurde. Von wem wurde er bedroht?
Zahida Raschkilo: Ja, das stimmt, wir wurden bedroht. Wir wurden von der PYD beziehungsweise der PKK bedroht. Das ganze fing an einem Freitag während einer Demonstration an. An jenem Freitag haben die PYD, andere kurdische Parteien und auch wir gemeinsam demonstriert. Auch Mischʿal war anwesend. Bei der Demonstration haben PYD‑Anhänger PKK‑Fahnen und Bilder von Öcalan getragen. Mischʿal hat die anderen Parteivertreter gefragt, wieso sie das akzeptieren. Nicht nur das, während in ganz Syrien die Demonstrationen unter einem gemeinsamen Motto stattfanden, hat die PYD unter einem eigenen Motto demonstriert. Mischʿal sagte, dass er das nicht akzeptieren würde. Er hat von der PYD verlangt, dass sie ihre Fahnen und das Bild von Öcalan niederlegen und unter dem gesamtsyrischen Motto laufen. Alle sollten hinter der kurdischen Flagge und der syrischen Freiheitsfahne gehen, sonst würden wir eine eigene Strecke nehmen. Er sagte auch, dass er nicht bereit ist, die Kurden in Syrien gegen die Türkei zu instrumentalisieren. Er sagte: »Ich lebe in Syrien, ich will die syrische Revolution unterstützen und nicht den Eindruck erwecken, dass wir nicht gegen das Regime sind. Unsere Politik soll sich gegen das syrische Regime richten und nicht gegen die Türkei. Wenn wir das Motte ändern und Bilder von Öcalan tragen, bedeutet dies, dass wir nicht Teil der syrischen Revolution sind.« Sie konnten sich nicht einigen. Mischʿal hat dann den jungen Leuten gesagt, sie sollten sich in Richtung Stadtzentrum bewegen und die Statue von Assad zerstören. Damals begannen die Probleme mit der PYD. Sie sind dann zu Mischʿal nach Hause gekommen und haben ihm gedroht. Sie haben gesagt, sie und elf andere kurdische Parteien würden Mischʿal at‑Tammu liquidieren. Daraufhin sind ʿAbdurrazzaq und Marsil zu dem PYDler gegangen, der Mischʿal bedroht hat und haben ihm gesagt, die PYD solle tun, was sie für richtig halte. Später haben kurdische Parteien eine Erklärung herausgegeben, in der sie behauptet haben, Mischʿal habe der PYD gedroht.

KurdWatch: Sie waren auch bei dem ersten Attentatsversuch auf Mischʿal at‑Tammu in al‑Qamischli anwesend. Haben sie die Attentäter erkannt?
Zahida Raschkilo: Ich stamme nicht aus al‑Qamischli und kannte daher die Attentäter nicht. Ich und Marsil saßen vorne im Wagen und Mischʿal hinten, als sich zwei junge Männer auf Motorrädern näherten. Die beiden waren Kurden, Mischʿal kannte sie. Ob sie PKKler waren, weiß ich nicht. Zweimal haben sie versucht, uns zu stoppen. Später haben wir gesehen, dass uns ein Wagen folgt. Während der Wagen versuchte, uns einzuholen, zog einer der Insassen ein Gewehr heraus. Ich rief Mischʿal zu, er solle in Deckung gehen, aber er lachte nur und fragte, wieso ich nicht in Deckung ginge. Plötzlich tauchte vor dem Wagen eine Frau mit einem Kind auf, sodass er bremsen musste und wir entkommen konnten. Mischʿal hätte damals sofort das Land verlassen müssen, aber er hat die Ausreise immer wieder verschoben.

KurdWatch: Gab es nach der Ermordung von Mischʿal offizielle Untersuchungen? Hat man versucht, die Mörder zu finden?
Zahida Raschkilo: Nein, nur die PYD ist einmal gekommen und wollte Frieden mit uns schließen. Ich habe gesagt, sie müssten sich öffentlich dafür entschuldigen, dass sie Mischʿal beleidigt haben, dann gäbe es keine Probleme zwischen uns. Sie sind gegangen und haben sich nicht mehr gemeldet.

KurdWatch: Es gibt Stimmen, die behaupten, dass die Zukunftsbewegung eine Annährung an die PYD sucht. Was halten sie davon?
Zahida Raschkilo: Ich habe meine parteipolitische Tätigkeit seit dem Attentat eingefroren. Ich weiß nicht, ob die Zukunftsbewegung Kontakt zur PYD aufgenommen hat.

KurdWatch: Hatten Sie nach dem Attentat Probleme mit dem Regime?
Zahida Raschkilo: Ja, ich wurde offensichtlich beobachtet. Als ich in Aleppo im Krankenhaus war, haben sie den Leiter des Krankenhauses unter Druck gesetzt und gesagt, ich dürfe keinen Besuch empfangen. Einmal versuchte jemand vom Geheimdienst, um vier Uhr früh in mein Zimmer zu gelangen. Als mein Bruder die Tür öffnete, behauptete er, er sei gekommen, weil er eine Unterschrift von mir bräuchte. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus bin ich nicht nach Hause gegangen, sondern habe meinen Aufenthaltsort immer wieder gewechselt. Einem meiner Gastgeber hat der Geheimdienst gesagt, sie wüssten genau, wo ich unterkomme.

KurdWatch: Konnten Sie Syrien ohne Probleme verlassen?
Zahida Raschkilo: An der Grenze war mein Name registriert. Das heißt, eigentlich durfte ich nicht ausreisen. Niemand in meinem Umfeld wusste, dass ich das Land verlassen werde. Und in meinem Pass haben wir den Namen ein wenig geändert, sodass ich die Grenze ohne Probleme passieren konnte.

KurdWatch: Können sie nach Syrien zurückkehren?
Zahida Raschkilo: In Syrien wurde ich einmal im Monat von Mitarbeitern des Geheimdienstes aufgesucht oder ich musste mich dort melden. Ich glaube, wenn ich jetzt zurückgehe, werden sie mich gleich am Flughafen festnehmen. Sie haben mir während der Verhöre immer wieder vorgeworfen, ich hätte Kontakte ins Ausland. Jetzt bin ich hier auf Kosten des deutschen Auswärtigen Amtes. Solange das Regime herrscht, kann ich nicht zurück.

26. Mai 2012

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